HIGHLIGHTS 35 October 31, 2014

Setzen Sie Ihre Prioritäten richtig

Nicht nur Pestizid Liebhaber sondern andere gute Menschenseelen erinnern an den unantastbaren Aufruf „Wir müssen 9 Milliarden Menschen ernähren“, wann immer es zu einer Diskussion über die Zukunft der Nahrung kommt.

Das Klischee ist in der Tat maßgeblich. 9 Milliarden Menschen werden in den nächsten 25 Jahren erwartet. Mehr Herausforderungen als nur die 9 Milliarden Menschen kommen in der gleichen Zeit auf uns zu.

Weil das durchaus noch zu unseren Lebzeiten passieren wird, lohnt es sich, dem zumindest so viele Gedanken zu schenken, wie wir für die Bildung unserer Kinder, Planung einer erfolgreichen Karriere, ein Darlehen für ein neues Haus oder eine neue Versicherung geben würden. Nachfolgend finden sie eine Übersicht über die Tendenz, welche sie verwenden können, um Ihre eigenen Prioritäten und Ihre Tagesordnung abzuschätzen.

 

Macht euch bereit, denn die Darstellung ist nicht sehr schön, aber zu ignorieren was auf uns zukommt, macht es nicht besser.

1: Verlust von Mutterboden

Wir haben keine brauchbare technologische Lösung, um Mutterboden in einem vernünftigen Ausmaß zu ersetzen. Bei der derzeitigen Geschwindigkeit des Verlustes Aufgrund der intensiven landwirtschaftlichen Anwendungen und geprägt von der städtischen und industriellen Entwicklung wird geschätzt, dass wir in den nächsten 60 Jahren keinen Mutterboden mehr haben werden. Da es wenig pflanzliches Leben ohne Mutterboden gibt, ist es schwer sich auch noch tierisches Leben vorzustellen. Keine Erde, kein Leben.

2: Chemische Verschmutzung

Es ist ziemlich drastisch, für das bloße Auge nicht sichtbar und es wächst im Umfang von Tag zu Tag.

Die 30 Millionen Tonnen pro Jahr, die weltweit ausgegeben werden, haben ab Mitte des Jahrhunderts den dreifachen Wert. Die Erde und alles Leben auf ihr werden mit synthetischen Chemikalien getränkt, was im Gegensatz zu allem steht, was in den letzten 4 Milliarden Jahren auf unserem Planeten eingetreten ist. Kein Lebewesen lebt ohne diese Chemikalien in seinem Gewebe zu haben, oft auf einem hohen Niveau mit nachteiligen Auswirkungen. Dies begann im 20. Jahrhundert und ist so schnell vorangeschritten, dass die meisten Menschen immer noch unwissend über das Ausmaß des Problems sind. „Unbekannt ist der Einfluss der zu zehntausenden von Menschen hergestellten Chemikalien, die eine chemische Brühe erstellt haben“ Wir alle leben, ob wir ein Wal oder ein Mensch sind, sagte Thomas Lovejoy.

Eine der vielen gefährlichen Auswirkungen – die Antibiotika Resistenz – trifft unser erschöpftes Immunsystem, welches durch die chemische Kontamination gefährdet ist.

3: Weltweite Wasserkrise

Erstens sind große Flüsse, wie der Indus, Colorado, Ganges, Rio Grande und der Gelbe Fluss so überbeansprucht von der Landwirtschaft, Industrie und expandierenden Städten, dass sie für einen Teil des Jahres die Ozeane nie erreichen werden. Zweitens sind Wasserspeicher ausgeschöpft. Drittens sorgt übermäßige Entnahme des Grundwassers für fallende Wasserspiegel und versiegende Brunnen zur Bewässerung. Viertens bedeuten geschmolzene Gletscher keinen andauernden Wasserfluss über das ganze Jahr für eine große Anzahl von Menschen in Asien, Südamerika und Afrika. Letztens reduziert die Abholzung in einigen Ländern die Wasserspeicherung in den Gebiete weiter, was zu Überschwemmungen und Erdrutschen führt, und – wie im Fall des Amazonas stört es den Wasserkreislauf, wodurch der Regen für wichtige landwirtschaftliche Anbauflächen im Süden reduziert wird.

4: Bevölkerungswachstum

220000 neugeborene Kinder setzen sich jeden Tag an unseren globalen Esstisch. Viele leben in Ländern, wo die besten Ackerböden, die für den Export benutzt werden, erschöpft sind.

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Graph of the global human population from 10,000 BC to 2000 AD, from the US Census Bureau. Source: Wikipedia

Ein Bericht über die globale Landnutzung wurde vor kurzem durch das Umweltprogramm der Vereinten Nationen veröffentlicht: „Eine wirksame Politik zur Kontrolle der menschlichen Fruchtbarkeit und damit eine Kontrolle über das Wachstum der Weltbevölkerung, könnte eine stärkere Auswirkung auf die künftige Lebensmittelsicherheit haben, als Bemühungen zur Verbesserung der Ernteerträge.“

5: Phosphor

Phosphor, ein knappes Mineral, ist einer der Bausteine allen Lebens. Jede lebende Zelle braucht es. Pflanzen brauchen Phosphor zum Wachsen genau so wie sie Wasser brauchen. Phosphor ist ein wichtiger Bestandteil in Dünger. Ohne es ist Dünger nutzlos. Ohne Dünger werden zwei Drittel der Weltbevölkerung hungern, weil die Erde unsere Anforderungen für Lebensmittel nicht decken kann. Es gibt keine Alternativen zu Phosphor und keine synthetischen Wege, um es herzustellen. Die Phosphorminen von Marokko, Westsahara, China, den USA und Australien werden voraussichtlich innerhalb der nächsten 50-100 Jahren versiegen.

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6: Globale Erwärmung

Die angenehm stabilen Wettermuster der letzten zehntausend Jahren des Holozäns, die für die Entwicklung der Landwirtschaft zuständig waren, ändern sich.

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carbonpilgrim.files.wordpress.com

Für jeden Grad Celsius Temperaturanstieg über der Norm während der Vegetationszeit, können die Landwirte einen Rückgang von 10%a bei den Weizen-, Reis- und Maiserträgen erwarten. Und das geht von einem behutsamen Szenario aus, bei dem der schrittweise Wandel anstelle eines abrupten vonstatten geht, wie die aktuelle Dürre in Kalifornien,

die massiv nicht nur das Leben der Menschen vor Ort stört, sondern auch Agrarexporte behindert. (Kalifornien ist einer der großen Lebensmittellieferanten der Welt).

Zweitens macht CO2 das Meerwasser sauer, was die Nahrungskette untergräbt und letztlich die Fähigkeit des Meeres Proteine zu bilden reduziert.

Drittens bewirkt der Klimawandel, dass steigendes Wasser Grundbesitz einnimmt und dadurch eine Abwanderung in das Landesinnere bewirkt. Nehmen sie einfach Bangladesch , ein Land, das eigentlich in einem Flussdelta liegt, wird etwa 11% seines Territoriums verlieren und damit 15 Millionen Menschen ihre Heimat, für den Fall, dass der Meeresspiegel um nur einen Meter ansteigt, was keine extreme Annahme für die nächsten vier Jahrzehnte ist.

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7: Verlust der biologischen Vielfalt

Im Grunde wurde die Hälfte aller Tierarten auf dem Planeten von uns in weniger als 50 Jahren ausgelöscht. In landwirtschaftlichen Kulturen ist 75% der genetischen Vielfalt verloren gegangen. Wir verlieren über 20 Spezies jeden Tag. Bis zu 30-50% aller Arten werden möglicherweise bis Mitte des Jahrhunderts ausgestorben sein. Ein solcher wesentlicher und weitgehend irreversibler Verlust ist eine direkte biologische Bedrohung für uns, da Leben von Leben abhängt. Kein Organismus und keine Art ist in der Lage in biologischer Isolation zu überleben. Wir brauchen die lebensunterstützenden Hilfen von anderen Organismen, wie Darm- und Bodenmikroben zum Beispiel.

David Liitschwager, ein Fotograf, verbrachte einige Jahre damit, durch die Welt zu reisen und einen ca. 30 Kubikzentimeter großen Metallrahmen in Gärten, Bäche, Parks, Wälder und Meere zu setzen und diese dann zu fotografieren, mit allem was dadurch läuft oder schwimmt, wie Käfer, Grillen, Fische, Spinnen, Würmer und Vögel, alles was groß genug war um mit bloßem Auge zu erkennen. Hier ist, was er nach 24 Stunden in seinem Kapstadt Würfel herausgefunden hat: Es gab 30 verschiedene Pflanzen in einem Quadratmeter Gras und rund 70 verschiedene Insekten.

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Craig Childs, wie er in seinem neuen Buch, „Apokalyptischer Planet“, davon erzählt, verbringt zwei Nächte und drei Tage in der Mitte einer 600 Hektar großen Farm in Iowa Grundy County unter Maisstroh, um zu sehen, was dort lebt. Dort ist Mais selbst ein Insektizid und der Boden ist damit besprüht. Die Stängel werden wiederrum besprüht. Er fand fast nichts. „Ich hörte zu und hörte nichts, keinen Vogel, kein Klicken von Insekten.“ Es gab keine Bienen. Die Luft, der Boden schienen leer. Es gab eine Ameise, so klein, man konnte sie kaum sehen. Ein wenig später, in einer anderen Reihe fand er kriechend einen Pilz, von der Größe eines Apfelkerns. „Es fühlte sich ganz wie ein anderer Planet an“, sagte er, eine abgetragene Welt.

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8: Fossile Brennstoffe

Finite fossile Brennstoffe werden nicht nur für die Herstellung, den Transport und die Verarbeitung von Lebensmitteln (Agrochemikalien aus fossilen Rohstoffen) verwendet.

Schätzungen der Nettoenergiebilanz in der Landwirtschaft in den Vereinigten Staaten zeigen, dass zehn Kalorien von Kohlenwasserstoffenergie nötig sind, um eine Kalorie Nahrung zu produzieren. Aber das Kohlenstoffmolekül des jetzt noch reichlich vorhandenen fossilen Brennstoffs, ist der Basisstoff für Rohstoffe aus Kunststoffen, die die anderen großen Bereiche unserer Wirtschaft unterstützen, wie Elektronik, Musik, Autos, Verpackungen, Kosmetika, Textilien, Bau und Pharmaindustrie, um nur einige zu nennen. Und da sind noch all die Dienstleistungsberufe, die von fossilen Brennstoffen basierten Aktivitäten abhängen, wie Zahnärzte, Maler, Anästhesisten, Raketenwissenschaftler und Make-up Anbieter.

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Ersatz von Kohlenstoff-Molekülen aus den fossilen Vorräten mit denen, die von Pflanzen produziert werden, bedeutet einfach mehr Wettbewerb um Land, auf dem der Faserstoff wächst sobald die fossilen zu fördern teurer wird oder sobald sie weniger zur Verfügung stehen. Es ist keine rosige Perspektive, zumal uns Mutterboden und Wasser ausgehen.

Das stellt einen Wettbewerbsdruck für ein Land dar, Lebensmittel, Fasern (einschließlich Rohstoffe für Kunststoffe) und Treibstoff anzubauen. Es ist zum Kochen oder Heizen, für Klimaanlagen, dem Transport von Maschinen zu Bergwerken oder auf Feldern nötig, Brennstoff, egal ob Waldholz oder Distelöl. Palmöl, das entweder zum Kochen, zur Herstellung von Seife, für die Produktion von Biodiesel oder Napalm verwendet werden kann, ist eine große Veranschaulichung dafür, welcher Wettbewerb zwischen Nahrung, Treibstoff und Fasern herrscht.

Das neue geopolitische Experiment des massiven Erwerbs von Land, um dort Nahrung anzubauen, kann sich auf die Migration auswirken. Die Länder, die das Land kaufen sind meist die, deren Bevölkerung ihre eigenen Boden-und Wasserresourcen ausgeschöpft haben (Israel, China, Großbritannien, Saudi-Arabien, USA, Indien, Ägypten, usw.), während Länder, die ihr Land verkaufen oder verpachten, oft Länder mit niedrigem Einkommen, leider auch oft chronischem Hunger und Unterernährung sind.

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Einige hängen von dem Welternährungsprogramm ab, welches für einen Teil ihrer Nahrungsmittelversorgung zuständig ist. Es gibt selten ungenutzte Anbaugebiete, die bebaut werden, sei es aus direktem Erwerb oder durch die Einführung invasiver Technik (z. B. genmanipulierte Pflanzen für die industrielle Landwirtschaft) führt dazu, dass lokale Bauern ausquartiert werden. Es betrifft nicht nur Afrika oder Südamerika. Europa erlebt auch eine enorme und schnelle Landkonzentration. Spanien produziert bereits 120 000 Hektar gentechnisch veränderte Pflanzen. Zehn riesige Agrarbetriebe kontrollieren jetzt über 2,8 Millionen Hektar in der Ukraine.

Es gibt noch andere

Die Populationsgröße und die Reichweite der Traglast, von denen Lebensmittelsysteme und Wasser ein wesentlicher Bestandteil sind, werden die Weltwirtschaft lahmlegen, weil die Migration steigt und soziale Einrichtungen nicht in der Lage sind, eine zentrale Funktion zu übernehmen. Die internationalen Hilfsorganisationen haben bereits die Grenzen ihrer Kapazität, aufgrund der vielen bewaffneten Konflikte und dem daraus resultierenden Migrationsdruck erreicht.

Wir sollten uns nichts vormachen, dass das nur Dritte-Welt-Probleme sind, es sind auch Schweizer Probleme.

Natürlich kann niemand alleine mit all diesen Belastungen umgehen, die auf uns einbrechen. Es braucht eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten, eine sachliche Diskussion und einen ausgeklügelten Plan.

Durch gemeinsames Verständnis darüber, wie ein bestimmter Tag in der nahen Zukunft aussehen könnte, können wir rückwirkend bis jetzt daran arbeiten, die richtigen Prioritäten zu setzen und diese umzusetzen.

Einige angebotene einfache Lösungen, um mit einem Teil des Problems fertig zu werden, untergraben das Gesamtziel. Ein Beispiel dafür sind die Pläne, Pestizidintensive Landwirtschaft zu betreiben, um 9 Milliarden Menschen zu ernähren. Dabei werden die verheerenden Auswirkungen, die diese Praktiken auf das Wasser, Klima, biologische Vielfalt und Boden haben, völlig ignoriert. Diese Praktiken untergraben die langfristige Nachhaltigkeit und die umweltgerechte Entwicklung.

Die übrigen Ökosysteme, mit all ihren verheerenden Auswirkungen, werden alles sein, was uns von unserem essentiellen ökologischen Kapital übrig bleibt. Sie werden die Grundlage für unser Überleben auf lokaler Ebene sein, welches, wegen der gravierenden Folgen globaler Kräfte auf den internationalen Handel, wichtiger als alles andere sein wird. Denken sie global, aber stellen sie sicher, dass das lokale System bereit ist, das was kommt, zu überleben. Falsche Prioritäten untergraben lokale Nachhaltigkeit.

Wenn der Absturz wirklich beginnt auf die ganze Welt überzugreifen, werden Emotionen und Wettbewerb heiß laufen, Gesellschaften werden radikal werden, und wir werden die Chance, das Schlimmste zu verhindern, verloren haben. Wir werden eilige Entscheidungen in einem Krisen Modus treffen, nur weil wir vorher durch edle Randthemen abgelenkt waren. Die Rettung der Pandabären, Recycling von Papier und Kunststoff, die Schaffung von Arbeitsplätzen oder den Planeten mit pestizidverseuchtem Essen zu füttern. Das sind wunderbare Themen, aber sie gehen nicht die zentralen Herausforderungen an, die sich unweigerlich in den nächsten Jahrzehnten stellen werden.